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SatyrenBearbeiten

Die Kriegsschule zu Brienne; oder: Napoleon der Kleine empfängt Prämien von seinen Lehrern, und Napoleon der Große Lektionen von dem Marschall Vorwärts.


Wie wir aus der Biographie des Unvergleichlichen wissen, empfing er den ersten Unterricht in der Kriegskunst auf der Militärschule zu Brienne, wo die zarte Pflanze seiner Jugend von sorgsamen Händen gehegt und gepflegt wurde. Hier war es wo das Genie des großen Mannes, den ein verhängnißvolles Schicksal zum praktischen Lehrmeister der Menschheit berief, sich frühzeitig entfaltete, und den tiefblickenden Menschenkenner schon im ersten Aufkeimen ahnen ließ, welch ein schaffender und zermalmender Geist einst daraus hervorgehen werde.

In den Erhohlungsstunden, während seine Mitschüler sich ihren Tändeleyen und Knabenspielen überließen, wandelte er tiefsinnig und verschlossen in dem Garten der Kriegsschule umher, laß Plutarchs Lebensbeschreibung großer Männer und den Marschall von Sachsen, und, indem sein Geist sich im Anschauen der hohen Vorbilder der Geschichte zur Nacheiferung erhitzte, sog er schon als Knabe mit dürstigen Zügen an Minerva's Brüsten.

Mit Landkarten, mathematischen und geometrischen Zeichnungen, Schlachtplanen und Festungs-Rissen umgeben, gewöhnte er sich schon damals, auf die Erde wie auf einen portativen Globus terrestis herabzuschauen, dessen Rotationen von seiner Willkühr abhingen.

Schon damals betrachtete der kleine Herrschkopf die Länder der Erde als einen großen Exerzierplatz, die Wohnsitze der Menschen als Fortifikations-Punkte, und die Menschen selbst als Meßpfähle, die er mit seinem Hammer bald hier bald dort einschlagen könne. Kurz! schon damals offenbarte er seinen Beruf zum Eroberer und Universalmonarchen.

Wenn einige seiner Biographen behaupten, daß er im Knabenalter schon einen brennenden Freyheitsdurst und spartanischen Republikanersinn verrathen, und seine Mitschüler, auf Kosten seines zarten Rückens, zum Aufstande gegen ihre Lehrer aufgewiegelt habe; daß der Corsikaner Paoli, der sein Vaterland von dem französischen Joche zu befreyen beabsichtigt, sein Abgott gewesen, ja daß sein Genius sogar in einem Momente poetischer Exaltation mit einem Hymnus auf die Freyheit niedergekommen sey; so sind das offenbar Blasphemien gegen einen Heldengeist, der nur geschaffen war, die Menschen zu beherrschen, und niemals an dem Wahnsinn krankte, Freystaaten zu stiften. Höchstens war die Freyheitsschwärmerey nur eine Maske, die er zur Erreichung höherer Zwecke vorzunehmen für gut fand, wie die französische Revolution das blutige Fastnachtspiel war, in welchem er anfänglich als Sansculott und Jacobiner figurirte, um zu guter Letzt als Universalmonarch - seinen Abtritt zu nehmen. -

Die Absicht unsers Künstlers war, einen Moment aus Napoleons Jugendgeschichte darzustellen, wo sich der künftige Meisterheld schon in seinen Knabenstudien offenbarte, und diese Darstellung mit einem Seitenstücke aus seinem Mannesalter zu verbinden, wo der gereifte Held in der Glorie der Vollendung erschien. Er hat daher sein Gemälde in zwey Felder abgetheilt, deren eines den Akt vorstellt, wo Napoleon der Knabe, als Militairschüler zu Brienne, für seine in der Fortifikationskunst bewiesenen Talente, von seinen Lehrern, das andre aber denjenigen, wo Napoleon, der Mann, in der Schlacht von Brienne, als Meister in der Kriegskunst, von dem Marschall Vorwärts - den Lohn seiner Verdienste empfängt.

Das ersten Darstellung liegt eine Begebenheit aus dem Jahre 1783 zu Grunde.

In dem Winter dieses Jahres hatte nemlich der kleine Bonaparte in dem Garten der Militairschule, der strengen Kälte zum Trotz, mit seinen zarten Händen ein kleines Fort von Schnee aufgeführt, welches den Grundsätzen der Berfestigungskunst so vollkommen entsprach, daß selbst der große Kriegskünstler Vauban nichts daran auszusetzen gewußt hätte. Mit unermüdlicher Ausdauer hatte er ein großes regelmäßiges Quadrat von Schnee zu Stande gebracht, das auf den Seiten mit vier Basteyen besetzt war, deren Wälle drey und einen halben Fuß Höhe hatten. Als Meister in der Kunst zu requiriren, worin er sich späterhin so unsterblich machte, wußte er schon damals die Arme und Hände seiner Cameraden, welche ihn mit Schubkarren, Schaufeln und Karsten den Wunderbau vollführen halfen, in Anspruch zu nehmen, er selbst aber dirigirte das Werk mit der Befehlshaberwürde, womit er späterhin jene außerordentlichen Arbeiten leitete, bey deren Erzählung noch die späteste Nachwelt erstaunen wird. - Schade nur, daß dieses Erzeugniß seines schaffenden Geistes, wie viele seiner späteren, namentlich seine Königreiche Italien, Neapel, Westphalen und der Rheinbund, nur aus jenen vergänglichen Grundstoffen zusammengefügt war, welche vor den Stralen der Sonne - zu Wasser zerrinnen.

Desto größer ist das Verdienst des Künstlers, der es durch seinen Meisterpinsel dem Gedächtnisse aufbewahret hat.

Wir sehen daher in diesem Bilde unsern Napoleon als zarten Knaben auf einer der vier Schnee-Basteyen stehen, indem er mit der stolzen Haltung eines Türenne, und im Vorgefühl seiner erhabenen Bestimmung, von dem vollendeten Wunderbau auf seine Cameraden herabblickt, die, auf ihre Spaten gestützt, in stummer Bewunderung zu ihm hinauf schauen.

Neben ihm steht einer der Lehrer, welcher ihm einen hölzernen Ehrendegen, und die Strategischen Werke Vaubans, Cohorns und Folards, nebst Cäsars und Friedrichs des Zweyten Schriften überreicht.

Der junge Held deutet auf den Cäsar de bello gallico mit einer Miene, welche zu sagen scheint: anch' io sono pittore (auch Ich bin der Maler), Worte, welche Correggio als angehender Künstler bey dem Anblick eines großen Meisterwerks ausgerufen haben soll, und welche hier ungefähr so zu paraphrasiren seyn würden: "Auch Ich bin ein Kerl wie Cäsar, und, will's Gott, noch etwas drüber!"

Um die kleine Schneefestung stehen die Büsten Türenne's, Condés, Eugens und Bayards, auf hohen Hermen herum, und scheinen unsern kleinen Cäsar ganz verblüfft anzuglotzen, gleichsam als ob sie bey sich dächten: "der wird und bald genug einholen." -

Aus seiner Rocktasche ragt ein Plan der Festung Mantua hervor, und hinter ihm liegt ein, ihm wahrscheinlich entfallener, Abriß des Hafens und Forts von Porto-Ferrajo auf der Insel Elba. - Das ganze Gemälde ist voll Leben und Charakter, und giebt in jedem Pinselstrich den Meister - der französischen Schule zu erkennen.

Gehen wir nun zu dem Seitenstücke über. - Es ist ohne Zweifel als eine wunderbare Fügung des Himmels zu betrachten, daß der große Mann, gerade an der Stelle, wo er den ersten Unterricht in der Kriegskunst und die ersten Prämien empfing, ungefähr 30 Jahre später, Gelegenheit fand, sich als Meister in derselben zu bewähren, und dafür von dem Marschall Vorwärts mit neuen Prämien und - Lektionen überhäuft wurde.

Schon am 29sten Januar 1814, wo er den Angriff auf das Städtchen Brienne leitete, ward ihm eine derselben zu Theil, durch Wegnahme zweyer nicht hinlänglich gedeckten Batterien, womit er seine ehemalige Schule beschoß, und in Brand steckte. Aber der Gedanke: "Hier war es, wo du die erste Weihe empfingst!" schien ihn zu begeistern; die Schatten seiner Lehrer stiegen aus ihren Gräbern hervor, und riefen ihm drohend zu: "Bonaparte! wirst du die großen Erwartungen zu Schanden machen, die wir von dir hegten? Auf! und zeige, daß du der Schule entwachsen bist!" Alle jene großen Erinnerungen an die Helden des Plutarch, welche einst seine junge Seele entflammten, erwachten mit verjüngter Kraft in ihm.

"Erkennet den Meister von Lodi, Austerlitz, Marengo und Jena!" so rief er im Hochgefühle des Triumphs, und der Feuerstrom seiner Rede durchglühte die Schaaren seiner Braven. Nichts konnte ihrem siegreichen Vordringen widerstehen, Brienne ward im Sturmschritt genommen, und Ihre Majestät hatten den Trost, die gute Stadt Paris durch einen Eilboten zu benachrichtigen, daß Sie in der Wiege Ihres Ruhmes übernachtet hätten.

Aber ach! schon am andern Tage mußte der große Mann die Erfahrung machen, daß kein Meister hienieden auslernt, und daß ein trauriges Verhängniß ihn verdammt habe, noch Einmal - in die Schule zu gehen.

Und wie es vor 30 Jahren der Ritter Kevalio war, welcher ihn aus der Kriegsschule zu Brienne in die von Paris versetzte, so war es jetzt der Marschall Vorwärts, welcher ihn zu Brienne in die Schule nahm, und nach Paris promovirte, um hiernächst nach Elba zu ascendiren. -

Diese Ansicht hat den Künstler, wie es scheint, zu der Idee geleitet, welche wir in dem zweyten Theile des Gemäldes ausgeführt sehen.

Da steht er, der Held von Brienne, auf den Trümmern der ehemaligen Militärschule. I

Ihm zur Seite eine colosalle Heldengestalt, mit Stern und Orden geschmückt, welche die Linke auf sein lorbeergekröntes Haupt legt, mit der Rechten aber ihn einen mit Brillanten besetzten Ehrendegen überreicht. Diese Gestalt ist nun wieder ein Zankapfel für die Ausleger. Eine Parthey erkennt in ihr den Marschall von Sachsen, einst das Idol unsers Helden, welcher einen kleinen Abstecher auf die Erde gemacht habe, um seinem Nachbilde zu huldigen; die bey weitem größere Zahl aber wittert wiederum den Schnurrbart und die pikante Physionomie des Marschalls Vorwärts, der ihn mit der Linken in den Haaren zause, mit der Rechten aber den Ritterschlag auf denjenigen Theil des Körpers applizire, welcher in Elementarschulen gewöhnlich am meisten herhalten müsse. "Einen Ehrendegen" - sagen sie - "überreicht man zu Händen, und nicht zu Hintern, wie es hier geschieht. - Offenbar ist es also eine Art von Ritterschlag, welcher hier ausgetheilt wird, und die Geberden des Austheilers und Empfängers, namentlich die gekrümmte Haltung des letzteren, deuten zur Genüge auf die Tendenz dieses Ritterschlages, welcher einem Produkt so ähnlich sieht, wie ein Ey dem andern."

Vor unserm Helden steht Marschall Ney, welcher ihm Plutarchs Leben großer Feldherrn wie ein Notenbuch vorhält, aus welchem Napoleon der Große eine Bravour-Arie abzusingen scheint. Aber der Text dieser Bravour-Arie lautet ungefähr also: "Laßt ab! laßt ab! ich bin mit Ruhm gesättigt; mein politisches Leben ist abgeschlossen, ich bescheide mich, hinfort als Privatmann zu leben."


Quellen und Literatur.Bearbeiten

Dritter satyrischer Feldzug von T. H. Friedrich. Berlin, 1817. In der Maurerschen Buchhandlung.