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PortretTallien200

Tallien, Stürzer des Robespierre.

Tallien (Johann Lambert) Sohn eines Thürstehers bey einem großen Herrn, der ihn lieb gewann und ihm eine Erziehung über seinen Stand geben ließ. Er wurde nach einander Geschäftsführer des Marquis von Bercy, Kommis bey einem Prokurator, in Handlungsbüreaus und Finanzkanzleyen angestellt, Schreiber des Deputirten Broßaret während der konstituirenden Versammlung, und endlich Factor in der Druckerey des Moniteur.

So jung er war, so wollte er doch 1791 schon auf seine Hand arbeiten, und fing damals an, ein Journal "der Bürgerfreund" betitelt herauszugeben, das kein grosses Glück machte. Ausserdem ließ er ein Wochenblatt anschlagen und brachte seine übrige Zeit mit Bürgerreden hin, die er über die Konstitution hielt. So viel Eifer zog ihn bald das Vertrauen der Menge zu; er figurirte in den Sektionen, und den 8. July 1792 erschien er an der Spitze einer Deputation in der Versammlung, um gegen das Departement zu sprechen, welches Petion wegen der Unruhen den 21. Juny eben abgesetzt hatte, und um die Wiedereinsetzung desselben zu verlangen.

Am 10. August wurde er zum Generalsekretär der Gemeinde ernannt und fing seitdem an, eine bedeutendere Rolle zu spielen. Er war einer von den ausgezeichneten Mitgliedern der Gemeinde, die durch ihre Beschlüsse das Signal zu den Mordszenen des Septembers gaben.

Als Deputirter bey dem Konvent sah man ihn den 11., 13. und 15. Dezember auf die Beschleunigung des Urtheils über Ludwig XVI. dringen, neue Anzeigen der Anklagacte beyfügen, sich widersetzen, daß man ihm Rathgeber zugestände und daß man ihm erlaube, mit seiner Familie zu sprechen, und den Tag des Urtheilspruchs selbst auf seinen Tod votiren.

In dem Laufe des Jahrs 1793 befand er sich häufig in Sendungsangelegenheiten abwesend und benahm sich allenthalben als eifriger Partheygänger der revolutionären Maßregeln. Bourdeaux wurde hauptsächlich das Theater seines Prokonsulats, und er unterstützte daselbst auf eine würdige Weise seine Kollegen Baudot und Ysabeau. Ihr Briefwechsel aus dieser Zeit (zu Anfange 1794) würde allein hinreichend seyn, zu beweisen, welche heftige Maßregeln sie ergriffen. Doch plötzlich schien die Liebe seinen Charakter zu ändern.

Frau von Fontenai, geborne Cabarrus, die sich nach Bordeaux begeben hatte, um sich einzuschiffen, und zu ihrem Gemahl nach Spanien zu gehen, wurde eingezogen, und aus Furcht, die Anzahl der Schlachtopfer zu vermehren, schmeichelte sie, um sich zu retten, der heftigen Leidenschaft, die sie Tallien eingeflößt hatte. Seitdem überließ sich Tallien ganz dem Luxus und dem Vergnügen, und stellte nicht nur seine Verfolgungen ein, sondern setzte selbst im Februar 1794, in Verbindung mit demselben Ysabeau, die militärische Kommission und den Revolutionsausschuß von Bordeaux ab, weil er die Bürger drückte.

Der Wohlfahrtsausschuß, der sie durch Couthons Sekretär, einen gewissen Peyrin d'Herval beobachten ließ, mißbilligte ihr Verfahren. Tallien, äusserst unzufrieden darüber, kehrte auf der Stelle nach Paris zurück, und von dieser Epoche schrieben sich die Drangsale her, denen sich damals Frau von Fontenai, die erst nach dem 9. Thermidor heirathete, ausgesetzt sahe, und der Haß, den er auf Robespierre und seine Waffenträger warf.

Seine eigene Sicherheit forderte, daß er eine Macht ergriff, die seinen Untergang geschworen hatte; sein entschlossener Charakter hatte ihm seit seiner Rückkehr von Bordeaux einen gewissen Einfluß verschafft; er wurde im März Sekretair und sodann Präsident des Konvents, wies mit Nachdruck alle zurück, die seine Handlungsweise während der Mission zu tadeln wagten, und ließ Ansprüche und eine Thätigkeit blicken, die Robespierre beunruhigten.

Seit der Sitzung des 21. März brachte der Tyrann in Folge einer Rede, die Tallien eben gegen die Hebertisten gehalten hatte, seine Beschuldigungen gegen diesen an. Tallien sah nunmehr den Streich vor Augen, der ihn bedrohte, fand sich aber seinem Gegner noch nicht gewachsen und unterwarf sich, so wie er auch noch den 11. Juny that, wo ihn Robespierre im Konvent mit der äussersten Verächtlichkeit behandelte. Indessen verdoppelte die Gewißheit der Gefahr seine Thatkraft, und so wie die Faktion der Thermidoristen organisirt war, griff er den Tyrannen, der noch zauderte, an, schilderte den 27. July alle Gräuel, unter denen damals Frankreich seufzte, mit den lebhaftesten Farben, und wies auf Robespierre, als den Haupturheber derselben hin. Nachdem er alle Seiten seiner blutigen Tyranney, alle Verbrechen, die er angeordnet, alle grausamen Gesetze, die er zum Beschluß gebracht, alle Schlachtopfer, die er geliefert, ins Gedächtniß zurückgerufen hatte, versuchte er mit Gewalt, den Konvent über eine so schimpfliche Sklaverey erröthen zu machen, wendete sich nach der Büste des Brutus, flehte, daß sein Geist über ihm schweben möge, und zog einen Dolch aus seinem Gürtel mit dem Schwure, daß er ihn in das Herz Robespierres stossen würde, wenn die Volksrepräsentanten nicht den Muth hätten, seinen Verhaft anzuordnen und ihre Fesseln zu brechen. Vergebens wollte Robespierre diesen heftigen Angriff zurückweisen; er wurde nicht angehört, und der Konvent ordnete seinen Verhaft und sodann seine Hinrichtung an.

Merkwürdig ist in der Rolle, welche Tallien in den Jahren 1794 und 1795 spielte, daß während ihn eine Parthey des Terrorism anklagte, ihn die andere Verbindungen mit den Royalisten Schuld gab; und man sah ihn in der That nach dem 9. Thermidor, sich bald mit Stutzern (muscadins) umgeben und die Jakobiner mit der größten Erbitterung verfolgen, bald mit derselben Uebertreibung gegen die Gemässigten und Emigrirten auftreten. In der Mitte dieses scheinbaren Schwankens, hatte man ihn allgemein in Verdacht, daß er die Konstitution von 1793, so wie nachher die von 1795 umstürzen wollte, um mittelst der, die er eingeschoben hätte, mehr Gewalt zu bekommen.

Nichts desto weniger zeigte er in den Aufständen gegen den Konvent, namentlich den 1. Prairial und 2. Vendemiaire, viele Energie und Muth. In Folge des letztern Aufstandes versuchte er, die revolutionäre Regierung wieder herbeyzuführen, und ließ eine Kommission von 5 Mitgliedern wählen, die die den Zeitumständen angemessenen Maaßregeln zur Wohlfahrt des Staats vorlegen sollten; allein sey es, daß die Plane seiner Parthey noch nicht genug gereift waren, oder trug er Bedenken, sich in die Arme der Jakobiner zurückzuwerfen, kurz, er ließ mit dem Kanonendonner von Vendemiaire das augenblickliche Schrecken wieder ergehen, das dieser Tag den Gemässigten und Royalisten eingeflößt hatte.

Als er in den Rath der 500 getreten war, ward er, mehr als jemals, Feind der Mässigung und befand sich in stetem Kampfe mit der Mehrheit.

Der 18. Fructidor stürzte endlich seine Gegner, doch ohne ihm einen merklichen Einfluß zu verschaffen, und im May 1798 trat er aus dem gesetzgebenden Körper selbst aus.

Verachtet von seiner Gemahlinn, zurückgestossen, so zu sagen, von allen Partheyen, und vielleicht auch überdrüssig der Stürme einer Revolution, deren Wechsel er alle durchlaufen hatte, schiffte er sich, noch in demselben Jahre, als Gelehrter nach Aegypten ein. Er wurde daselbst zum Administrator des Grundbuchs (droit d'enregistrement) und der Nationaldomainen ernannt. Doch war ihm der Mißkredit, in den er in Frankreich gefallen war, auch über das Meer nachgefolgt. Er sah sich von mehreren Generalen mißhandeln, von denen sich einige, während der Zeit seiner Herrschaft, vor ihm gebeugt hatten. Das Mißverständniß zwischen ihm und Menou ward selbst so groß, daß dieser ihn nach Frankreich zurückschickte, nachdem er sorgfältig vor ihm eine Denunziation hatte abgehen lassen, nach der er, so wie er das französische Gebiet beträte, arretirt werden sollte. Glücklicher Weise fiel er aber bey seiner Ueberfahrt den Engländern in die Hände und wurde nach London geführt, wo ihn die Oppositionsparthey über seine Gefangenschaft durch eine glänzende Aufnahme tröstete. Einige Zeit nachher erhielt er seine Freyheit wieder, kehrte nach Frankreich zurück und blieb lange ohne Anstellung. Später wurde er Handlungskommissär zu Alicante, wo er aber starb


Madame Tallien, die die guten und schlechten Meinungen ihres Gemahls während der Revolution getheilt hatte, blieb, als er nach Aegypten ging, in Paris, und fuhr, fort sich mit einem Schwarm Anbetern, aber wenigen Partheygängern, zu umgeben. Bey seiner Zurückkunft, versagte sie ihm den Zutritt in ihr Haus und erklärte, daß sie alle Bande, die sie vereinigt hätten, als gelöst ansähe. 1805 hat sie sich mit Herrn von Caraman, Fürsten von Chimai, vermählt.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.