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Genf.Bearbeiten

Genf, Geneve, große, schöne, reiche, und starkbewohnte Stadt und ehemalige Republik, in der Landschaft Genevois, welche mit dem Herzogthum Savoyen umschloßen ist, und an dem westlichen Ufer des Genfersees liegt. Jezt die Hauptstadt im Französis. Departement des Leman. Die Rhone sondert sie in drey ungleiche Theile, (die Cite, die kleinere Stadt und die Insel) welche durch einige Brücken zusammen hängen, und vor der Französischen Revolution 26,300 Einwohner enthielten. In den Gärten und nächsten Bezirk um die Stadt lebten 4,100 Menschen, und in dem übrigen Gebiethe der Stadt, welches 1¾ Quadratmeilen Flächeninhalt hatte 4,600 Seelen. Die ganze Bevölkerung betrug, kurz vor den Zeiten der Französischen Besiznahme 35,000 Seelen. Im Jahr 1802 zählte man in der Stadt nur noch 23309 Seelen. Die Einwohner reden Französisch, doch giebt es auch viele Deutsche Familien; die herrschende Religion war die reformirte. Die ganze Stadt wird mit Festungswerken eingeschlossen. Zu den merkwürdigsten Gebäuden gehören: die St. Peterskirche, oder die Domkirche des ehemaligen Bischofs von Genf, der aber längst nicht mehr in Stadt war, sondern seinen Siz zu Arnnecy hatte; in derselben wurde der Conseil Souverain, oder die Versammlungen der Bürgerschaft bey den Wahlen der Staatsbeamten xc. gehalten. Das große Hospital für arme Bürger und Waysen mit beträchtlichen Einkünften. Die künstliche Wassermaschine an der Rhone, durch welche die Brunnen der Stadt mit Wasser versorgt werden. Das erst 1782 errichtete Schauspielhaus. Die Häfen an der Rhone nebst dem Schiffsbehältniß zur Aufbewahrung großer Barquen. Die Rües-Basses oder Kaufmannsgewölbe, und die Stadtstrasse mit den schönen Wohnhäusern der reichsten Familien und Kaufleute, in der Cite oder obern Stadt. Die untere Stadt, auch das Quartier St. Gervais genannt, ist sehr bevölkert und enthält die meisten Uhrmacher und andere Künstler, auch eine wichtige Zitzmanufaktur, Gerbereyen und Mühlenwerke. In der Stadt und an derselben sind auch mehrere Promenaden. Den wichtigsten Nahrungszweig verschaffen der Stadt die Uhrmacher; in der blühendsten Periode des Handels zählte man 840 Meister und gegen 6,000 Arbeiter, welche ausser den Sackuhren, noch andere Uhren jeder Art und zwar mit getheilter Arbeit verfertigen. An sie schließen sich die übrigen Metallarbeiter, welche die zur Uhrmacherkunst erforderlichen Instrumente und andere mathematische, chirurgische xc. Instrumente ausarbeiten. Sehr bedeutend sind auch die Kunstwerke der vielen Gold- Silber- und Bijouteriekünstler. Ausserdem werden hier Zitze, Wollentücher, Musseline, Goldporten, seidne Zeuge, auch Porcellan verfertigt. Durch diese Manufakturen erhoben sich viele und zum Theil sehr reiche Handelshäuser, welche Geschäfte in allen Gegenden Europens machten, und dadurch Veranlassung zu einem wichtigen Wechselhandel wurden. Die vortheilhafte Lage am Genfersee erzeugte einen bedeutenden Transitohandel, und die Lage an den Gränzen Frankreichs einen noch einträglichern Schleichhandel nach diesem Lande. Der Kapitalisten wurden durch diesen günstigen Zusammenfluß von Umständen so viele, daß sie nicht nur alle Gewerbe in lebhaftem Schwung erhalten konnten, sondern noch beträchtliche Summen baaren Geldes hatten, welche sie in den öffentlichen Fonds auswärtiger Staaten, in Frankreich, England, Holland xc. niederlegten, und weil die Spekulation öfters glückte, hiezu noch Geld in den geldreichen Gegenden der angränzenden Schweiz entlehnten. Man glaubte berechnen zu können, daß die Genfer auf diese Art über 120 Millionen Livres in auswärtigen Fonds stehen hatten. Aber eben diese Gelder, ruinirten zum Theil die Blühte des Staats, da bey der Französischen Revolution die Zinsen und ein Theil des Kapitals in Assignaten bezahlt wurde, welche sehr bald allen Werth verloren, kräftiger noch wirkte zum Verderben die schwankende Verfassung mit den aus derselben entstandenen innern Streitigkeiten. Genf war im Mittelalter einem Bischofe und einem Grafen unterworfen, welche sich gegenseitig ihre Rechte streitig machten. Das Recht der Grafen kam endlich durch Kauf an die Herzog von Savoyen, welche auch die Bischöfe auf ihre Seite zu ziehen wußten. Aber auch die Bürger hatten von den Kaisern viele Privilegien und fügten sich nicht unbedingt in die Befehle der Herzoge und Bischöfe. Dadurch entstanden Streitigkeiten und endlich Kriege, welche die durch die Unternehmungen der Franzosen gedrängten Herzoge mit wenigen Kräften gegen die von den Schweizern begünstigten Genfer führen konnten. Die Stadt entledigte sich 1527 des herzogl. Vicedoms, und als sie im Jahr 1536 öffentlich zur reformirten Lehre übertrat, auch ihres Bischofs, und schickte zugleich mehrere ihrer Mitbürger fort, weil sie herzoglich gesinnt waren. Dafür hatte sie nun fast 100 Jahre lang gegen die Ansprüche der Herzoge zu kämpfen, welche 1602 den lezten Versuch durch eine Ueberrumplung zur Bezwingung der Stadt machten. Zum Andenken der mißlungenen Unternehmungen feyerte die Stadt in jedem der folgenden Jahre am 12. Dec. das Escaladefest. Genf hatte längst einen ewigen Bund mit Bern und Zürich geschloßen; diese also übernahmen die Vermittlung, nebst K. Heinrich IV. in Frankreich; es kam 1603 zu einem Vergleich, in welchem Savoyen jeden alten Ansprüchen entsagte; die 3 Vermittler wurden zugleich Garanten des Friedens und von Genfs freyer Verfassung Diese Verfassung war ein Gemisch von Demokratie und Aristokratie. Die eigentlichen Bürger der Stadt bildeten das Conseil-General oder Souverain, welches die gesezgebende Macht haben und über die wichtigsten Staatsangelegenheiten entscheiden sollte. Aus diesen Bürgern war ein großer Rath, anfangs von 200 dann von 250 Personen, und aus diesem ein kleiner Rath von 25 Personen unter dem Vorsitz des Sindics gezogen. Diese hatten die vollziehende Macht, die Besorgung der täglichen Geschäfte und der öffentlichen Kasse folglich wichtigen Einfluß, der sich mit jedem Tage mehrte. Schon 1536 wurde festgesetzt, daß nichts im größern Rathe vorgetragen werden könne, was nicht im kleinern Rathe vorgängig verhandelt worden sey; und daß eine Sache erst dann an die Bürgerschaft gebracht werden sollte, wenn es beyde Räthe für nüzlich hielten. Lange führten indessen die Obrigkeit ihre Regierung ohne Klage der Bürgerschaft fort, weil sie sich gerecht und milde benahm; aber allmählig mußte sie nach dem gewöhnlichen Gange menschlicher Denkungsart in Herrschsucht und Oligarchie ausarten; einzelne Familien, die einmal am Ruder saßen, bemächtigten sich aller wichtigen Aemter ausschließend und behandelten den Bürger als Gebieter. Dadurch entstund den ganzen Lauf des 18. Jahrhunderts hindurch, anfangs Murren, dann sehr häufig thätlicher Ausbruch des Mißvergnügens und die Forderung einer gerechtern Verfassung. Man nannte die Klagenden Representans, die Anhänger der Rathsfamilien aber, welche die Forderung abschlugen Negativs. Das Uebel mehrte sich durch einen zweyten Hauptpunkt in Genfs Verfassung. Von alten Zeiten her befanden sich in der Stadt dreyerley Klassen von Einwohnern: 1) Citoyens eigentliche Bürger die es schon von ihren Voreltern her waren, oder in diese Klasse waren aufgenommen worden; nur diese konnten in den großen und kleinen Rath kommen und Aemter erhalten; und diese waren es, welche sich gegen das Regiment der Familien beschwerten. 2) Bourgeois, die zwar Bürger waren und in der allgemeinen Versammlung erscheinen, aber nicht in den Rath kommen und keine Würde bekleiden konnten. In ältern Zeiten waren es die neuen von der Fremde her aufgenommenen Bürger, deren Nachkommen man erst die vollen Bürgerrechte ertheilte; jezt ertheilte sie sehr selten mehr. 3) Habitans oder schutzverwandte Einwohner, welche aufgenommen worden waren, ohne daß man ihnen das Bürgerrecht ertheilte; ihre Kinder und Nachkommen heißen Natifs (Eingebürtige). Diese beyden leztern Klassen, in welchen sich viele aufgeklärte und wohlhabende Leute befanden, forderten, theils die vollen Bürgerrechte, theils nur eine Portion derselben; und die allgemeinen Streitigkeiten erhielten dadurch eine seltsame Verwicklung; zwey Partheyen konnten sich über die dritte Beschweren und unter sich selbst uneins seyn. Eben dadurch erhielt sich lange der kleine Rath in seinen Vorrechten, indem er immer eine Parthey an sich zu ziehen wußte; gab äusserst furchtsam nach, wenn er Ueberlegenheit merkte, und mißbrauchte unmäßig seines Siegs, wenn er durch Hilfe der vermittelnden Mächte sich gestärkt sah. Der heftigste Ausbruch des allgemeinen Unwillens gegen die aristokratische Parthey geschah im Jahr 1781. Er wurde von den vermittelnden Mächten, vorzüglich von dem Französischen Minister Vergennes, mit gewaffneter Hand, zum Vortheil der Oligarchie entschieden; und die Folge war, daß sehr viele Familien nach Costanz, in das Fürstenthum Neufchatel, nach England und Amerika auswanderten, und ihren Kunstfleiß dahin brachten. Eine spätere Revolution im Jahr 1789 stellte zwar die Bürgerrechte mit mehrerer Bestimmung her, als sie ehemals gewesen waren. Daß z. B. die Bürgerschaft den kleinen Rath wählte, daß die Natifs in der vierten Generation das volle Bürgerrecht erhalten xc. es kamen auch mehrere Ausgewanderte und Verwiesene zurück: aber schon würkte die Französische Revolution nachtheilig auf Genf, und in der Zeit der Schreckensperiode wußte 1792 der Resident unterstüzt, die abscheulichen Szenen auch hier hervorzubringen, welche in Frankreich gewüthet haben. Viele Bürger wurden ohne eigentlichen Proceß getödtet und verjagt, noch mehrere ihres Vermögens beraubt. Und kaum trat auf wenige Jahre Ruhe an die Stelle des Sturms, und der nun klügere Bürger fieng an seine Geschäfte auf das neue, obgleich mit sehr verminderter Kraft zu betreiben; als 1798 die Stadt von Französischen Truppen besezt und der Französische Republik einverleibt wurde. Auf diese Art ist sie Hauptstadt des Departements Leman geworden, und sucht ihren ehem ligen Flor wieder zu erringen. An die Stelle ihrer Universität, welche 1368 gestift und 1538 erneuert wurde, aber keine medicinische Facultät hatte, ist nun ein Lyceum getreten. Seit 1802 wurde auch das allgemeine Seminarium in Genf errichtet, in welchem alle Reformirte studiren müssen, welche geistliche Stellen in Frankreich erlangen wollen. Die ganze Einnahme des ehemaligen Staats berechnete man nur auf 400,000 fl. oder 1,823,294 Genfer Florins. Das Wappen von Genf ist ein getheilter Schild, in dessen rechter Hälfte ein schwarzer halber gekrönter Adler in goldnem Felde, in der linken ein schwarzer Schlüssel in rothem Felde ist, mit der Umschrift: Post tenebras lux, d. i, Auf Finsterniß folgt Licht. Genf ist zugleich der Hauptort eines Arrondissements, zu welchem folgende Cantons gehören: Genf, Carouge, Chene-Thonex, Collonge, Frangy, Gex, Reignier, und St. Julien.


Herstellung der demokratischen Verfassung in Genf 1789.Bearbeiten

Der sieben und zwanzigste Jänner 1789.

Wegen Erhöhung der Brodtaxe entstand zu Genf ein gefährlicher Aufruhr des Volks, und dieser hatte zur Folge, daß die seit 1782 durch sardinische, französische und bernische Militärgewalt eingeführte ziemlich aristokratische Regierungsform wieder aufgehoben und am heutigen Tag die demokratische Verfassung wieder hergestellt worden ist. Damals wurden die Bürger entwaffnet, und jetzt griffen sie die Garnison, welche Ruhe schaffen sollte, statt mit Musketen mit einem Steinregen und statt Kanonen mit Feuerspritzen an, aus denen siedendes Wasser strömte. Das Volk siegte überall. Von beyden Seiten blieben viele, endlich aber liefen die Soldaten doch davon. Das Conseil mußte die gemachten Verfügungen wegen des Brods widerrufen, die eingefangenen Personen loslassen, und zuletzt (am 30ten Jänner) eine Convention von sechzehn Artikeln eingehen, wodurch die alte freye Verfassung nach dem Edikt vom Jahr 1738 wieder hergestellt wurde.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor zu Altdorf. Neu bearbeitet von Konrad Mannert, Königl. Bairischen Hofrath und Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1805.
  • Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Augsburg und Leipzig in der Jenisch und Stageschen Buchhandlung.