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Gefangennehmung des Königs Ludwig zu Varennes, den 22. Jun. 1791.Bearbeiten

Immer mehr und mehr beschränkte die siegende Parthey der Jacobiner die Macht des Königs, sie war bald nur Schein, und seine Freunde zitterten für seine Freyheit -- sein Leben.

Der tapfere Bouillé hatte mehr als einmal versucht, den König zu bewegen, Paris zu verlassen, und unter dem Schutze seiner treuen Truppen seinen Feinden zu trotzen, aber stets vergebens. Endlich häuften sich die Unbilden gegen den König und seine Familie so sehr, dass seine oft versuchte Geduld ihre Grenzen berührte, und zerbrach.

Am 18. April wollte der Monarch, um sich zu zerstreuen, vielleicht auch, um zu erproben, in wie ferne er frey sey, -- mit seiner Familie eine Reise nach dem nahen St. Cloud unternehmen. Die Jacobiner entbrannten bey der ersten Nachricht von dieser Spazierfahrt, und liessen das Volk glauben, der König wolle das Reich verlassen. Ein zahlreicher Pöbel begab sich nach den Tuillerien, doch hielt er sich entfernt, um nicht durch seine Andrängen die Anstalten zur Abreise zu stören; kaum aber war die königliche Familie in dem Wagen, als er herbey stürmte, die Pferde aufhielt, und sich gewaltsam der Abfahrt widersetzte. Eben kam La Fayette mit der National-Garde zu Pferd heran, um den König zu begleiten, aber das Ansehen, welches er sonst über das Volk hatte, war in dem entscheidenden Augenblicke ohnmächtig. Die Bürger-Miliz empörte sich gegen ihn, und drohte dem Könige und ihm mit den Bajonetten; sein Muth vermochte nichts gegen die überwiegende Menge, man überhäufte die königliche Familie mit den gemeinsten Schmähungen, und die Frechheit des Pöbels gieng unglaublich weit. -- Die Lieblinge des Königs, die sich um den Wagen drängten, wurden hinweggerissen und misshandelt. La Fayettes Drohung mit dem Kriegsgesetze wurde mit Hohngelächter beantwortet, und der König gezwungen, zu bleiben.

Auch die Anklage, welche er den folgenden Tag vor der National-Versammlung brachte, fand kein Gehör, und sein wiederholtes dringendes Verlangen, die Reise zu unternehmen, um zu beweisen, dass er frey sey, wurde abgewiesen.

Nun erst lieh er Bouillé's Anträgen Gehör, und beschloss, sich nach Montmedy zu begeben, um in diesem festen Platze, umgeben von treuen Kriegern, und nahe an der Grenze, den Unbilden trotzen zu können, welche seine erbitterten Unterthanen über ihn verhängten.

Der Plan war klug entworfen, -- alles vorbereitet, um die königliche Familie unbemerkt von Paris zu entfernen, und Reutergeschwader von Chalons sur Marne bis Montmedy vertheilt, um die Flucht zu sichern. Die Königin hatte unter den Namen einer Baronin von Korf, von dem Minister Montmorin, einen Pass erhalten, der König sollte als ihr Kammerdiener gelten, und glücklich entwischten sie ihrem Palaste, der nur ihr Gefängniss war, und erreichten die bestellten Wagen. Drey Gardes du Corps waren als Kuriere vorausgegangen; der Dauphin, die Kronprinzessin, und Prinzessin Elisabeth, die Schwester des Königs, begleiteten sie; -- in einem zweyten Wagen war ihr Gefolge.

Im schnellen Fluge kamen sie bis Ste. Menehould in Champagne, mehrere von Bouillé's Detachements hatten sich, wie durch Zufall, angeschlossen, und nahe winkte schon die Freyheit, als der Verrath eines einzigen Mannes alle Hoffnungen zerstörte.

Der Postmeister Drouet zu Ste. Menehould, ein eifriger Jakobiner, hatte den König erkannt. Sein Plan war schnell entworfen, er verrieth sich nicht gegen den Monarchen, sondern liess bald die Pferde anspannen; heimlich aber gab er dem Postillon den Befehl, einen Umweg über ein von der eigentlichen Strasse entferntes Dorf zu nehmen, indess er selbst, mit seinem Freunde Guillaume sich auf flüchtige Rosse warf, und auf dem nächsten Wege nach Varennes flog. Sie eilten zu dem Kommandanten der National-Garde, zu dem Vorsteher des Bürgerrathes, verkündeten des Königs nahe Ankunft, und forderten sie auf, ihm zu verhaften.

Erschrocken willigten diese in alles, was Drouet vorschlug, und eilten, die Miliz und die Einwohner zu berufen. Indess waren die Wagen des Monarchen schon angekommen, und Drouet, um der Abreise so viel als möglich Hindernisse in den Weg zu legen, ward mit Guillaume einen beladenen Frachtwagen, der zufällig an der Brücke stand, quer über diese hin, um die Strasse zu verrammeln.

Zugleich gieng er mit einem Wirthe, Leblanc, und einigen andern dem Wagen entgegen, der eben wieder abfahren wollte, und zwang ihn mit gespannten Pistolen zu halten, um die Pässe zu zeigen. Die Hofdamen, welche im zweyten Wagen waren, stiegen aus, um in dem nahen Wirthshause den Pass zu zeigen, und schon wollten die Bürger sie abreisen lassen, als der Postmeister sagte: Sie könnten wohl keine Fremden seyn, da man bemerkt habe, dass die mit Officieren der auf dem Wege stationirten Truppen im Einverständnisse wären, und diese ihnen gefolgt wären. Man beschloss jetzt, sie diese Nacht nicht reisen zu lassen, der König, noch immer unbekümmert, gab selbst den Befehl, die Pferde auszuspannen, und trat mit seiner Familie in das Wirthshaus, wo er mit froher Laune ein Glas Wein trank. Sausse, ein Seifensieder, und Syndicus von Varennes, kam, und bot dem Könige unter dem Vorwand mehrerer Bequemlichkeit, ein Zimmer in seinem Hause an; dankbar nahm der König es an, und gieng dahin. Noch immer glaubte er sich unerkannt, als plötzlich Sausse ihn vor sein Bild führte, und sprach: "Sire, das sind sie." -- Ein Donnerschlag für den Monarchen, doch fasste er sich bald, und sagte: "Wohlan, ich bin euer König, und suche in dieser Provinz treuen Unterthanen, Ruhe und Frieden, da mir und den Meinigen in dem rebellischen Paris der Tod drohte."

"Sie müssen dahin zurück," antwortete trotzig Seifensieder. Der erschrockene König umarmte, bat, beschwor ihn, diess zu verhindern, um ihn zu retten -- umsonst! Auch war es schon zu spät; eine Menge National-Garden und Pöbel hatte sich vor dem Hause versammelt; die Sturmglocken heulten durch die Nacht, und riefen immer mehr bewaffneten herbey. Zwar kam auch ein Detachement Husaren, dem König zu decken, aber die Bürger führten Kanonen gegen sie auf, ihr Officier wurde durch einen Pistolen-Schuss verwundet, und die Husaren ergaben sich.

Der tapfere Bouillé hörte in seinem Hauptquartiere zu Stenay die Gefangennehmung des Königs; an der Spitze eines Dragoner-Regiments flog er zur Rettung und Rache herbey. Varennes zitterte -- man bat den König, den Marsch des Feldherrn aufzuhalten, und Ludwig, um Bürger-Blut zu schonen, schrieb selbst den Befehl, der seinen Retter entfernte. Bouillé gehorcht, und flieht, knirschend, mit seinen Officieren nach den Niederlanden.

Ein Haufen Soldaten und Bauern dringt mit Fackeln, Säbeln und Picken in das enge Zimmer, in welchem der unglückliche Monarch mit seiner Familie war, und fordert ihn auf, nach Paris zurückzukehren; vergebens beruft sich der König auf seine Rechte, auf seine Freyheit, die Barbaren antworten nur mit Schmähungen und Hohn! -- Am Morgen kam ein Adjudant des Generals La Fayette, mit dem Befehle der National-Versammlung, den König gefangen nach Paris zu führen. Nun war alles verloren, und mit ruhiger Grösse ergab sich Ludwig in sein Schicksal.

Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Denkbuch der Franzoesischen Revolution vom ersten Aufruhr in der Vorstadt St. Antoine den 28sten April 1789. bis zum Todestag LUDWIGS XVI. den 21sten Januar 1793. in 42 Kupfern, mit einem erläuternden Text. von Franz Eugen Freiherrn von Seida und Landensberg.Memmingen In den Christoph.Müller'schen Buch und Kunsthandlung. 1815.