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Aufruhr in Paris.Bearbeiten

Der zwölfte Julius 1789.

Unter dem gestrigen Tag wurden die Folgen bereits angedeutet, die Neckers Entlassung gehabt hatten. Eben als die Nachricht sich verbreitete, zogen drey Regimenter in Paris ein und ihnen gegenüber auf dem Boulevard versammelten sich die französischen Garden, die sich auf die Seite der Bürger schlugen. Es kam zum Handgemenge. Das Regiment Royal Allemand wurde fast ganz zernichtet. Man verschloß die Schauspielhäuser, zog die Sturmglocken und rührte die Lärmtrommeln. Unter Geheul und Geschrey rannte das wüthende Volk mit Fakeln und Feuerbränden umher; alles schrie um Waffen und das währte die ganze Nacht durch. Die Bürger drangen in das königlich Zeughaus, nahmen alle Waffen weg und überdies mußten alle Zeugschmiede und Gewehrhändler herliefern, was sie vorräthig hatten. Am 13ten Nachmittags stunden 48000 Mann unter Gewehr, die Garden der Schweitzer und anderer Regimenter giengen zu den Bürgern über, die um die Stadt errichteten Batterien wurden zerstört, die Barrieren und Zugänge besetzt und gesperrt und das dem Hof noch anhängende Militair hatte keine Munition, um sich mit Nachdruck widersetzen zu können. Der Erfolg dieses Aufstandes wird zu anderer Zeit erzählt werden.


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Eroberung der Bastille zu Paris.Bearbeiten

Der vierzehnte Julius 1789.

Die am 12ten Julius nach Paris gekommene Nachricht von Neckers Verbannung war das Signal zum allgemeinen Aufstand; am 13ten wurde die Bürgermilitz errichtet und schon am Nachmittag stunden 48000 Mann unter den Waffen. Am 14ten früh bestürmten über 30,000 Menschen das Invalidenhaus, nahmen 20,000 Flinten und 25 Kanonen weg, und das nemliche geschah mit den Waffen und Geschütz der Militairschule. Nachmittags um 2 Uhr wurde beschlossen, das berühmte Staatsgefängnis, die Bastille, einzunehmen. Man forderte den Kommandanten de Launay auf, sie den Bürgern zu übergeben; er stellte sich zwar geneigt, aber als einige sich an die zweyte Zugbrücke wagten, lies er Feuer auf sie geben. Dieß setzte die Menge in Verzweiflung, sie lief Sturm, trug die Kanonen unter dem Kugelregen der Belagerten bis zur letzten Zugbrücke und rückte so ihrem Ziel immer näher. Schon war der Kommandant im Begriff, sich mit der ganzen Besatzung durch Pulver in die Luft zu sprengen, als das Volk erklärte: es sollte niemand ein Leid geschehen, wenn man die Brücke herablassen wollte. Sie fiel und das Volk strömte hinein, aber seiner Wuth nicht mehr mächtig, mißhandelte es die Invaliden, nahm sie samt dem Gouverneur gefangen und führte sie unter dem tausendstimmigen Geschrey: "Haut sie nieder! Hängt sie auf!" nach dem Hotel de Ville. Der Platz la Greve, wo das Hotel steht, war zu klein, die Menschenmenge zu fassen, die sich hier zusammendrängte. Plötzlich wurden de Launay und ein Major niedergerissen, mit Säbeln zerhauen und mit Bajonetstichen getödtet. Ihre Köpfe wurden, so wie der Kopf Flesseles, der ersten Magistratsperson von Paris, auf Picken gesteckt und mit der Inschrift: So rächt sich das Volk an seinen Tyrannen, zur Schau herumgetragen. Eine unermeßliche Menge begleitete sie und Abend nach neun Uhr warf man die Köpfe in die Seine. Kaum war dieß vorüber, so arbeiteten viele tausend Hände an Niederreißung der Bastille, eroberten alle königliche Kanonen, die in der Nachbarschaft von Paris aufgepflanzt waren, und führten die in der Bastille gefundenen Gefangenen, unter denen sich ein seit dreyßig Jahren eingekerkerter Greis befunden hatte, mit Blumen bekränzt durch die Stadt. Die königlichen Truppen verließen ihr Lager und flüchteten wie eine geschlagene Armee nach Versailles. Die Nacht gieng unter Lärmen, Schrecken und Bangigkeiten vorüber, aber schon am Morgen des 15ten war es so ruhig, daß alle Kaufläden wieder geöfnet werden konnten.

So endigte sich mit einem einzigen Tag diese ewig denkwürdige Begebenheit, und eine Burg, die Heinrich IV. drey Jahr und der große Condé sechs Wochen lang belagern mußten, lag durch einen Volkssturm in wenigen Stunden in ihren Trümmern.


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Der 14 Julius.Bearbeiten

Anne Louise Germaine de Staël.

Zu gleicher Zeit mit Necker erhielten zwei andre Minister ihre Entlassung, de-Montmorin, der zu den persönlichen Umgebungen des Königs seit seiner Kindheit gehörte, und de-Saint-Priest, ausgezeichnet durch die Ruhe und Besonnenheit seines Geistes. Kaum wird aber die Nachwelt glauben, daß, indem man sich zu einem wichtigen Schritt entschloß, demungeachtet keine Maasregel genommen wurde, um im Fall eines Unglücks die Person des Königs zu sichern. Man glaubte des Erfolgs so gewiß zu seyn, daß keine Truppen befehligt wurden, die Ludwig XVI bis auf einige Entfernung gefolgt wären, wenn die Hauptstadt sich würde empört haben. Vor den Thoren von Paris ließ man die Truppen in der Ebene lagern, wodurch sie dann Gelegenheit erhielten mit den Einwohnern sich in Berührung zu setzen; haufenweise kamen diese in's Lager und beredeten die Soldaten sich nicht gegen das Volk zu schlagen. Zwei deutsche Regimenter ausgenommen die kein französisch verstanden, und die im Tuilerien-Garten den Säbel zogen, gerade als wenn sie zum Aufruhr hätten einen Vorwand geben wollen, theilten alle Truppen, auf die man aber doch zählte, den Geist der Bürger, und thaten nichts von dem was man von ihnen erwartete.

Sobald die Nachricht von Neckers Abreise sich in Paris verbreitet hatte, sperrte man die Straßen, jeder machte sich zu einem Nationalgardisten, nahm irgend eine militärische Kleidung, und griff zur ersten besten Waffe, zu Flinten, Säbeln, Sicheln, gleichviel. Eine unzählige Menge Menschen die gleiche Meinungen hegten, umarmten sich auf offener Straße als Brüder, und das Volks-Heer von Paris, aus mehr als hunderttausend Menschen bestehend, wurde wie durch ein Wunder in einem Augenblick gebildet. Die Bastille, die Veste der willkührlichen Regierung, wurde am 14 Julius 1789 genommen. Der Baron de-Breteuil, der sich gerühmt, binnen drei Tagen alle Angelegenheiten zu schlichten, behielt seine Stelle nur während dieser drei Tage, lang genug um den Umsturz der Monarchie mit anzusehen.

Dies war die Folge der von Necker's Gegnern mitgetheilten Rathschläge. Wie wollen noch Geister dieses Schlages über die Angelegenheiten eines großen Volkes entscheiden? Welche Hülfsquellen wurden gegen die durch sie selbst herbeigeführten Gefahren in Bereitschaft gehalten? Und hat man je Männer gesehen, die nie von Gründen etwas wissen wollten, und dabei noch es so schlecht verstanden, sich wenigstens der Gewalt zu versichern?

Der König mußte unter diesen Umständen ein tiefes Gefühl von Theilnahme und Mitleiden einflößen. Denn die Prinzen, die zur Regierung von Frankreich erzogen wurden, sind nie den würklichen Lebensverhältnissen gegenüber gewesen. Man machte für die eine eigene Scheinwelt, in der sie vom ersten Tage des Jahres an bis zum letzten lebten, und das Unglück mußte sie ohne innere Vertheidigungsmittel finden.

Der König wurde nach Paris geführt, um auf dem Stadthaus die Revolution anzunehmen, die gegen seine Macht statt gefunden. Seine religiöse Ruhe erhielt ihm immer die persönliche Würde, sowohl bey dieser Gelegenheit als in allen folgenden, aber sein Ansehen war nicht mehr vorhanden, und wenn die Wagen der Könige nicht die Nationen nach sich schleppen sollen, so müssen eben so wenig die Nationen aus einem König die Zierde ihres Triumphs machen. Die scheinbaren Huldigungen die man unter solchen Umständen einen entthronten König erzeigt, empören edle Gemüther, und nie kann die Freiheit durch eine falsche Stellung des Monarchen oder des Volks eingeführt werden; jeder muß in seinem Recht seyn, um in seiner Aufrichtigkeit seyn zu können. Der dem Staatsoberhaupt aufgelegte moralische Zwang, kann die verfassungsmäßige Unabhängigkeit des Staats nicht gründen.

Ungeachtet blutdürstiger vom Volk begangener Mordthaten, war der 14 Julius demungeachtet ein großer Tag. Die Bewegung war allgemein unter der ganzen Nation, keine Partheyung im Innern oder im Auslande konnte eine solche Begeisterung hervorbringen. Ganz Frankreich theilte sie, und die Rührung eines ganzen Volks beruht immer auf wahren und natürlichen Empfindungen. Die achtungswerthesten Namen, Bailli, la Fayette, Lally wurden von der öffentlichen Meinung ausgezeichnet; man begab sich aus dem Stillschweigen eines von einem Hofe regierten Landes, unter das laute und freiwillige Jubelgeschrei aller Bürger. Die Köpfe waren überspannt, aber in den Gemüthern war noch nichts vorhanden als das Gute; die Sieger hatten nicht Zeit gehabt übermüthige Leidenschaften anzunehmen, vor denen die Parthey des Stärkern sich in Frankreich fast nie bewahren kann.


Von Reisende.Bearbeiten

Arthur Young.

Den 14ten. In Metz ist ein litterarisches Kabinet, das einige Aehnlichkeit mit dem in Nantes hat, aber nicht nach einem so großen Plane eingerichtet ist. Jedermann hat übrigens die Freiheit, wenn er vier Sous täglich bezahlt, hier zu lesen oder aus- und einzugehen. Ich begab mich voll Neugierde dahin, und erfuhr, theils aus gedruckten Schriften, theils aus der Unterredung mit einem wohlgesitteten Manne, interessante Nachrichten aus Paris. Versailles und Paris sind mit Truppen umringt; 35,000 Mann sind beisammen, und überdies noch 20,000, nebst starken Artillerietrains, auf dem Marsch, kurz, es werden alle Vorbereitungen zum Kriege gemacht. Die Anwesenheit einer so großen Menge von Truppen hat den Brotmangel noch vergrößert, und das Volk unterscheidet die für sie errichteten Magazine nicht leicht von denen, die, wie es argwöhnt, von Kornwucherern angefüllt sind. Dies hat das Unglücke des Volkes beinahe bis zum Verzweiflung gebracht, so daß die Verwirrung und der Tumult in der Hauptstadt äußerst groß werden. Ein sehr verständiger und, nach der Aufmerksamkeit, die man ihm erzeigte, zu schließen, auch ein sehr bedeutender Mann, mit dem ich mich über die Sache unterhielt, beklagte mit der größten Wärme die Lage seines Vaterlandes, und hielt einen Bürgerkrieg für unvermeidlich. "Ohne Zweifel, sagte er noch, wird der Hof, wenn er sieht, daß es unmöglich ist, der National-Versammlung Gränzen zu setzen, sie wegzuschaffen suchen. Das Gesammte einen solchen Verwirrung muß ein Bürgerkrieg seyn, und jetzt können wir nur durch Ströme von Blut eine freiere Konstitution gründen. Doch gegründet muß sie werden; denn in der alten Regierung sind unerträgliche Mißbräuche eingewurzelt." Er stimmte gänzlich mit mir darin überein, daß die Vorschläge in der Königlichen Sitzung, ob sie gleich gewiß nicht ganz befriedigend wären, doch die Grundlage zu einer Unterhandlung hätten seyn können, "welche uns nach und nach Alles gesichert haben würde, selbst, das, was uns das Schwert nicht geben kann, wenn man es auch noch so glücklich führt. Das Geld -- die Gewalt des Geldes vermag Alles; dies mit Klugheit angewendet, hätte uns bei einer so dürftigen Regierung, wie die unsrige, nach einander alles verschafft, was wir wünschten. Aber ein Krieg -- von dem mag der Himmel den Ausgang wissen! Und hätten wir auch Glück, so kann selbst das zu unserm Verderben gereichen. Frankreich hat vielleicht, so gut wie England, einen Cromwell in seinem Schooße." -- Metz ist, ohne Ausnahme, die wohlfeilste Stadt, in der ich gewesen bin. Die Gasttafel, guten Wein in Ueberfluß mit eingerechnet, kostet für die Person 36 Sous, (noch nicht 11 Groschen). Wir waren unser zehn, und hatten zwei Gänge nebst einem Nachtisch, jeden von zehn Schüsseln und reichlich. Mit dem Abendessen ist es eben so. Ich ließ mir das meinige, ein Nößel Wein und eine große Schüssel Chaudiés, (?) auf mein Zimmer bringen, und zahlte dafür 10 Sous; (3 Groschen); Heu und Korn für mein Pferd kosteten 25 Sous (7 Groschen 6 Pf.); das Zimmer ward nicht angerechnet. Meine Ausgaben betrugen also für einen Tag 71 Sous (etwas über 21 Groschen); und mit dem Abendessen an der table d'Hôte würden es nur 97 Sous (1 Thaler 5 Groschen) gewesen seyn. Obendrein ward ich sehr höflich behandelt und gut bedient. Das Wirthshaus heißt: zum Fasan. Wie geht es zu, daß die wohlfeilsten Gästhöfe in Frankreich die besten sind? -- Die ganze Gegend von Pont-a-Mousson hat kühne auffallende Scenen. Die Mosel, ein ansehnlicher Fluß, läuft durch das Thal, (worin Pont-a-Mousson liegt) und die Hügel an beiden Seiten sind hoch. Nicht weit von Metz sieht man die Ueberreste einer alten Wasserleitung für eine Quelle, welche quer über die Mosel geführt ward. Es stehen auf dieser Seite noch viele Bogen, und dazwischen häuser armer Leute. In Pont-a-Mousson empfing mich der Unter-Delegirte des Intendanten, Herr Pichon, an den ich Briefe hatte, sehr höflich; er beantwortete meine Fragen, wozu ihn sein Amt sehr gut in Stand setzte, und zeigte mir alle Merkwürdigkeiten der Stadt. Deren sind aber nicht viele: die Militair-Schule für die Söhne armer Edelleute, und das Prämonstratenser-Kloster, worin eine sehr schöne, 107 Fuß lange und 25 Fuß breite Bibliothek ist. Ich ward dem Abte als ein Mann vorgestellt, der einige Kenntnisse vom Ackerbaue hätte. -- 17 (2½) Meilen.

Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Augsburg und Leipzig in der Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
  • Betrachtungen über die vornehmsten Begebenheiten der Französischen Revolution. Ein nachgelassenes Werk der Frau von Staël. Herausgegeben von dem Herzog von Broglie und von dem Freiherrn von Staël. Heidelberg, bey Mohr und Winter. 1818.